Verstehen ist nicht Daten-Extraktion und nicht Mustererkennung, sondern Sache-Begegnung — der hermeneutische Vollzug, in dem zwei Verstehens-Horizonte sich auf das Worüber des Sprechens einlassen und einander erweitern.
Gadamers Horizontverschmelzung
Hans-Georg Gadamer entwickelt in Wahrheit und Methode (1960, Teil III) die zentrale These der philosophischen Hermeneutik: das hermeneutische Urphänomen ist das Gespräch, und Verstehen ist Sich-Einlassen auf die Sache, nicht Einfühlen in den anderen als Psyche (GW 1, S. 387ff.).
“Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.” (GW 1, S. 478) — Verstehen ist sprachlich verfasst; was sich verstehen lässt, lässt sich sprachlich artikulieren.
Die zentrale Bewegung ist die Horizontverschmelzung (S. 311): Verstehen ist nicht Übernahme eines fremden Horizonts unter Aufgabe des eigenen, und auch nicht Beharren im eigenen unter Ablehnung des fremden — sondern Erweiterung des eigenen Verstehenshorizonts durch die Begegnung mit dem fremden, in der beide Seiten reicher werden, ohne dass eine kapituliert.
Im Aufsatz Die Unfähigkeit zum Gespräch (1971) bestimmt Gadamer Gesprächsfähigkeit als sittliche Tugend: hören können, sich der Sache aussetzen, sich in Frage stellen lassen.
Heidegger: Verstehen als Existenzial
Bei Martin Heidegger (Sein und Zeit, 1927) ist Verstehen nicht primär kognitive Leistung, sondern ein Existenzial — eine Grundstruktur menschlichen Daseins (§31). Im Verstehen erschließt sich das Dasein seine eigenen Möglichkeiten und seine Welt. Die Rede (§34) artikuliert diese Verständlichkeit; das uneigentliche Gegenstück ist das Gerede (§35), das vom Worüber gelöst ist und sich selbst durchhört.
Das Worüber der Rede — die Sache — ist Heideggers Schlüssel. Verstehen ist immer Verstehen von etwas; ohne Sache kein Verstehen, sondern nur Gerede.
Augustinus: der innere Lehrer
Augustinus formuliert in De magistro (ca. 389) eine paradox klingende, hermeneutisch tiefe These: niemand lernt durch Worte allein. Wer das Bezeichnete nicht kennt, lernt vom Zeichen nichts; wer es kennt, lernt vom Zeichen nicht das Bezeichnete, sondern erkennt es wieder. Der eigentliche Lehrer ist die Wahrheit, die im Inneren erleuchtet — der “innere Lehrer”.
Das ist nicht Mystik, sondern Hermeneutik: Verstehen verlangt einen Sach-Bezug, den die Sprache weckt, nicht aber erzeugt.
Wittgenstein: Verstehen in der Lebensform
Ludwig Wittgenstein verschärft in den Philosophischen Untersuchungen (1953) die Bedingung: Bedeutung lebt im Gebrauch (§43); Sprachspiele sind in Lebensformen eingebettet (§§19, 23). Die berühmteste Pointe (PU II, xi): “Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.” Verstehen verlangt geteilte Praxis, nicht bloß geteilte Codes.
Daraus folgt: Verstehen ist nicht aus Sprachdaten ableitbar. Auch perfekte syntaktisch-semantische Beherrschung einer Sprache reicht nicht — es braucht die Eingebettetheit in eine Form, in der gesprochen-werden überhaupt einen Sinn hat.
Was LLMs nicht verstehen
Die drei Bestimmungen (Gadamer: Sache; Heidegger: Worüber; Wittgenstein: Lebensform) konvergieren in der Diagnose: ein LLM hat keine Sache, kein Worüber, keine Lebensform. Es hat Token-Sequenzen und Aktivierungsmuster. Sein “Verstehen” ist Pattern-Match — was Hubert Dreyfus (What Computers Still Can’t Do, 1992) als Gegenpol zum skilled coping in a world bestimmt hat.
Mahowald, Ivanova et al. (Trends in Cognitive Sciences, 2024) operationalisieren die Diagnose: formale linguistische Kompetenz (Grammatik, Idiomatik, Stil) ist bei LLMs auf menschlichem Niveau erreichbar; funktionale linguistische Kompetenz (Schließen, Pragmatik, soziale Kognition, Weltmodell) bleibt fragmentarisch. Die Oberfläche reicht für die Anmutung von Verstehen — nicht für seinen Vollzug.
Verstehen und Bildung
Wenn Verstehen Tugend ist (Gadamer), dann ist sie übbar — durch Lektüre, Gespräch, Hingabe an Sachen, Geduld mit dem fremden Horizont. Die Sorge der Pädagogik (Pieper, Spaemann) gilt der Möglichkeit, dass eine Kultur, die viel “Information” konsumiert und wenig “Sache” hat, das Verstehen verlernt.
Ontologische Einordnung
- ist Vollzug einer Person in ihrer sprachlichen und sachlichen Existenz
- konstitutiv für: Dialog, Erkenntnis
- erfordert: originäre Intentionalität, geteilte Lebensform, Sach-Bezug
- disjunkt zu: bloßer Mustererkennung, KI-Gesprächssimulation
Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.
Weitere Quellen:
- Gadamer, Hans-Georg (1960): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr.
- Gadamer, Hans-Georg (1971): Die Unfähigkeit zum Gespräch. In: Universitas 26, S. 1295–1304 (Nachdruck in: Kleine Schriften IV, Tübingen: Mohr 1977).
- Heidegger, Martin (1927): Sein und Zeit. Halle: Niemeyer.
- Wittgenstein, Ludwig (1953): Philosophische Untersuchungen / Philosophical Investigations. Oxford: Blackwell (bilingual, Übersetzung G. E. M. Anscombe).
- Augustinus: De magistro. CSEL 77.
- Dreyfus, Hubert (1992): What Computers Still Can’t Do. A Critique of Artificial Reason. Cambridge, MA: MIT Press.
- Mahowald, Kyle; Ivanova, Anna A.; Blank, Idan A.; Kanwisher, Nancy; Tenenbaum, Joshua B.; Fedorenko, Evelina (2024): Dissociating Language and Thought in Large Language Models. Trends in Cognitive Sciences 28(6), 517–540.