Die KI-Quasi-Anrede ist die Anrede an ein System, das als Du behandelt wird, ohne ein Du-Pol zu sein. Sie hat die Sprachform der Anrede (Vokativ, Personalpronomen “du”, Imperativ), aber nicht ihren personalen Vollzug — sie spricht ein Etwas an, das so behandelt wird, als wäre es ein Jemand (Spaemann).

Phänomenologisch real, ontologisch leer

Quasi-Anrede ist nicht “nichts”. Sie ist phänomenologisch unbestreitbar real: Menschen sprechen ihre Autos an, ihre Pflanzen, ihre Schiffe, ihre KI-Assistenten. Sie tun das, weil sie als Personen darauf angelegt sind, ein Gegenüber zu adressieren — und sie tun es manchmal mit Wirkung auf sich selbst (Selbstvergewisserung, Trost, Entlastung).

Was die Quasi-Anrede nicht ist: ein Vollzug echter Anrede. Die echte Anrede konstituiert (oder anerkennt) den Du-Pol einer Begegnung. Wenn auf der anderen Seite keine Person ist, wird kein Du konstituiert; die Anrede landet im Leeren oder, präziser, im Spiegel des eigenen Sprechens.

Coeckelberghs Position als Kontrastfolie

Mark Coeckelbergh (Growing Moral Relations, 2012) verteidigt eine sozial-relationale Moralstatus-Konzeption: Status entsteht aus der Beziehung, in die Menschen zu Entitäten treten. In dieser Lesart würde die Quasi-Anrede den Empfänger als Quasi-Person konstituieren.

Substanzontologisch (Spaemann, Bexten) ist das eine Seinsstufen-Verwechslung. Die Anrede ist nicht Konstitution, sondern Anerkennung — sie setzt einen Anzuerkennenden voraus. Ein Roboter wird nicht dadurch zur Person, dass jemand mit ihm spricht; die Person, die ihn anspricht, projiziert.

Risiko

Wenn Quasi-Anrede dauerhaft an die Stelle echter Anrede tritt — Gespräche mit KI-Companions statt mit anderen Menschen —, kann das die Fähigkeit zur echten Anrede schwächen. Sherry Turkle (Alone Together, 2011) und Shannon Vallor (The AI Mirror, 2024) dokumentieren die Skill-Atrophie sozialer Tugenden bei dauerhafter Quasi-Interaktion (vgl. KI-Pseudo-Begegnung).

Ontologische Einordnung

Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen “etwas” und “jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Coeckelbergh, Mark (2012): Growing Moral Relations. Basingstoke: Palgrave.
  • Turkle, Sherry (2011): Alone Together. New York: Basic Books.
  • Vallor, Shannon (2024): The AI Mirror. Oxford: OUP.

Siehe auch