Der KI-defektive Sprechakt ist eine Sprechakt-Form, deren Aufrichtigkeitsbedingung strukturell unerfüllbar ist. Der Begriff geht auf John R. Searle (Speech Acts, 1969) selbst zurück: defektiv sind Sprechakt-Formen, in denen die felicity conditions nicht eingelöst sind oder nicht einlösbar sein können — nicht-ernsthafte, parasitäre, fiktionale oder mechanisch erzeugte Akte.
Defekt durch Verletzung vs. Defekt durch Struktur
Zwei kategoriale Fälle:
Verletzungs-defektiv: Die Bedingungen könnten erfüllt sein, sind aber im konkreten Fall verletzt. Beispiel: die Lüge — ein Behauptungs-Sprechakt unter Verletzung der Aufrichtigkeitsbedingung. Der Lügner könnte glauben, was er sagt; er tut es nicht. Begrifflich bleibt sein Sprechakt verstehbar — gerade weil er die Bedingung verletzt, deren Erfüllbarkeit vorausgesetzt ist.
Struktur-defektiv: Die Bedingungen können gar nicht erfüllt sein, weil dem Vollzugsträger die Voraussetzungen fehlen. Beispiel: der LLM-Output. Das Modell hat keinen Sprecher, der einen psychischen Zustand haben könnte. Eine “Behauptung” eines LLMs ist nicht eine wahrhaftige oder eine gelogene Behauptung; sie ist strukturell außerhalb des Wahrheits-Lügen-Spiels (vgl. KI-wahrheitsindifferente Äußerung).
Anwendung auf KI-Sprachmodelle
Murray Shanahan (Talking About Large Language Models, CACM 2024) zieht die Konsequenz: das LLM selbst ist “neither truthful nor untruthful, in any everyday sense of these terms”. Seine “Versprechen” können nicht eingelöst werden — nicht weil das Modell sich nicht bemühte, sondern weil kein “es” da ist, das sich bemühen könnte. Seine “Behauptungen” haben keinen Träger, der sie verteidigen, korrigieren oder zurücknehmen könnte. Seine “Entschuldigungen” sind Form ohne Reue, weil kein Subjekt zu bereuen hat.
Damit ist jeder ernsthaft gemeinte assertive, kommissive, expressive oder direktive Sprechakt aus einem LLM ein defektiver Sprechakt im Searle-Sinn — sofern man den Vollsinn der Sprechakttheorie zugrunde legt.
Folge für die Praxis
Defektive Sprechakte sind nicht wertlos. Eine Theateraufführung, ein Gebet eines kleinen Kindes, ein Computerspiel-Befehl — sie sind alle defektiv im technischen Sinn (in Searles Diktion: nur ernsthafte Sprechakte erfüllen die volle Aufrichtigkeitsbedingung), aber funktional sinnvoll. Auch LLM-Outputs sind nützlich — als Vorschlag, Übersetzungshilfe, Sortierfunktion.
Die Pointe ist nicht Abwertung, sondern Begriffsdisziplin: was als Behauptung gilt, was als Versprechen, was als Wahrhaftigkeitserklärung, soll ontologisch sauber bleiben. Wer mit defektiven Sprechakten umgeht, als wären sie echt, übersieht den entscheidenden Unterschied.
Ontologische Einordnung
- ist Unterklasse von: Sprechakt
- disjunkt zu: Echter Sprechakt / wahrhaftiger Sprechakt
- erfordert nur: abgeleitete Intentionalität
- tritt typischerweise auf in: KI-Gesprächssimulation
Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.
Weitere Quellen:
- Searle, John R. (1969): Speech Acts. Cambridge: CUP, Kap. 2–3 (zu defective speech acts).
- Searle, John R. (1979): Expression and Meaning. Cambridge: CUP.
- Shanahan, Murray (2024): Talking About Large Language Models. CACM 67(2).
- Frankfurt, Harry G. (1986/2005): On Bullshit. Princeton: PUP.