Das KI-Aufmerksamkeitsarrangement ist die systematische Lenkung der Aufmerksamkeit einer Person auf Inhalte mit hoher Verweildauer-Erwartung, ohne Rücksicht auf ihr Wohl. Aufmerksamkeit wird zur verarbeitbaren Ware. Es ist Unterform der KI-arrangierenden Personvergessenheit und die ökonomisch tragende Form: ohne sie kein Geschäftsmodell der dominanten Plattformen.

Zuboff: Surveillance Capitalism

Shoshana Zuboff (The Age of Surveillance Capitalism, PublicAffairs 2019, bes. S. 8, 93ff.) hat die Logik präzise rekonstruiert: Verhaltensdaten werden extrahiert, in Verhaltensvorhersageprodukte verwandelt und auf Verhaltensterminmärkten gehandelt. Die Ware ist nicht der Nutzer, sondern die Vorhersage über ihn — und je manipulierbarer das Verhalten ist, desto wertvoller die Vorhersage. Daraus entsteht eine strukturelle Anreiz-Asymmetrie zugunsten der Manipulation.

Die Konsequenz: Aufmerksamkeit ist kein Nebenprodukt. Sie ist der Rohstoff. Wer Aufmerksamkeit halten, lenken und kalibrieren kann, beherrscht den Markt. Was die Person sieht, ist nicht das, was sie sehen wollte — es ist das, was an ihrem Profil die längste Verweildauer prognostizieren lässt.

Harris und das Center for Humane Technology

Tristan Harris (ehemals Google) und das Center for Humane Technology argumentieren seit 2018, dass Engagement-Optimierung mit Wahrheits- und Wohlbefindens-Optimierung systematisch kollidiert. Der Dokumentarfilm The Social Dilemma (2020) hat die Diagnose populär gemacht; Frances Haugens Facebook-Leak (2021) hat sie empirisch fundiert: interne Memos zeigen die Anerkennung der Polarisierungs-Effekte durch die Plattform selbst — bei gleichzeitiger Beibehaltung des Optimierungs-Ziels.

Christopher Bail (Breaking the Social Media Prism, Princeton UP 2021) differenziert die These — die einfache „Filter-Bubble”-Erzählung trifft nicht; die Polarisierung ist real, aber Mechanismus komplexer als „Algorithmus radikalisiert”. Doch dass das Aufmerksamkeitsarrangement strukturell nicht nach Wohl, sondern nach Verweildauer kalibriert ist, bleibt unbestritten.

Warum dies Personvergessenheit ist

Die Aufmerksamkeit ist das, womit eine Person sich zur Welt verhält. Sie ist nicht peripher, sondern konstitutiv. Wer die Aufmerksamkeit eines Menschen lenkt, lenkt seinen Welt-Bezug.

Robert Spaemann (Personen, 1996) bestimmt die Person durch ihre Fähigkeit, sich auf etwas zu beziehen, das nicht sie selbst ist — durch Selbsttranszendenz. Das Aufmerksamkeitsarrangement untergräbt diese Fähigkeit, indem es die Aufmerksamkeit dauerhaft im Möglichkeitsraum der Plattform hält. Was die Person sieht, hört, klickt, ist arrangiert; das, was sie nicht sieht (weil es niedrige Verweildauer prognostiziert), ist arrangiert wegzulassen.

Josef Pieper (Mußekultur und Kult, 1948; Mißbrauch der Sprache, 1970, Verlag der Arche Zürich) hat die theologisch-anthropologische Tiefe gesehen: Aufmerksamkeit (lat. attentio) ist die Voraussetzung jeder Wirklichkeitsbegegnung. Wer die Aufmerksamkeit der Person beherrscht, beherrscht ihren Zugang zur Wirklichkeit. Das ist Macht-Anordnung im Foucault’schen Sinn — Pastoralmacht digital.

Was es nicht ist

Aufmerksamkeitsarrangement ist nicht Werbung im klassischen Sinn. Werbung adressiert die Person als Käuferin; das Aufmerksamkeitsarrangement adressiert sie als Klick-Vorhersage. Werbung will überzeugen; das Aufmerksamkeitsarrangement will halten. Werbung ist sichtbar; das Aufmerksamkeitsarrangement ist die Bühne, auf der die sichtbaren Inhalte stehen.

Es ist auch nicht „böse Absicht”. Niemand muss böse sein, damit ein optimiertes System Schäden produziert. Die Architektur reicht.

Ontologische Einordnung

Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.

Weitere Quellen:

  • Zuboff, Shoshana (2019): The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.
  • Bail, Christopher A. (2021): Breaking the Social Media Prism. How to Make Our Platforms Less Polarizing. Princeton: Princeton University Press.
  • Harris, Tristan; Center for Humane Technology (laufend seit 2018): humanetech.com.
  • The Social Dilemma (Dokumentarfilm, Regie Jeff Orlowski, 2020).
  • Pieper, Josef (1970): Mißbrauch der Sprache, Mißbrauch der Macht. Zürich: Verlag der Arche.
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Siehe auch